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Dr. Dr. Cornelia McCormick

Was bleibt von mir, wenn ich vergesse? Warum Bilder im Kopf wichtig sind – und was das für die Demenzforschung bedeutet

Dr. Dr. Cornelia McCormick
Foto: Fotostudio Bruder / Armin Höhner

„Erinnerungen machen uns zu dem, was wir sind“, sagt Dr. Dr. Cornelia McCormick, DZNE-Forscherin und Leiterin der Klinischen Neuropsychologie an der Klinik für Alterspsychiatrie und Kognitive Störungen am Universitätsklinikum Bonn. Sie erforscht, wie Vorstellungskraft und Gedächtnis zusammenhängen. Zwei ihrer innovativen Forschungsprojekte wurden von der DZNE-Stiftung ermöglicht: Um das Gedächtnis besser zu verstehen, erforschte sie, wie blinde Menschen und Menschen mit Aphantasie (also der Unfähigkeit, innere Bilder zu erzeugen) sich erinnern. Im Interview berichtet Dr. Dr. McCormick, warum diese Studien wichtig für die Erforschung von Demenzkrankheiten sind.

Wie alles begann: Faszination Gedächtnis

Frau Dr. Dr. McCormick, das autobiographische Gedächtnis ermöglicht das Abrufen von Vergangenem – wieso forschen Sie an diesem neuropsychologischen Zusammenspiel von Gehirn und Erinnerung?

Erinnerungen sind die Grundlage unserer Identität. Es gibt Strukturen im Gehirn, die darüber bestimmen, wie wir denken und fühlen – das fasziniert mich. 

Hier in der Gedächtnisambulanz am Bonner Uniklinikum treffe ich täglich Menschen, die Probleme mit dem Erinnern haben. Genauso sitzen aber 85-jährige vor mir und können 70 Jahre alte Kindheitserinnerungen noch lebhaft abrufen! Ich finde es spannend, herauszufinden, wie das funktioniert, aber natürlich möchte ich auch helfen, wenn es nicht mehr funktioniert. Dabei ist die Prävention genauso wichtig wie akute Hilfe. 

Erinnerungen brauchen innere Bilder

Was passiert normalerweise im Gehirn, wenn wir uns an etwas erinnern?

Das Erinnern entsteht durch Zusammenarbeit mehrerer Hirnareale. Der Hippocampus fungiert bei der Gedächtnisbildung als Zwischenspeicher des Gehirns. Er arbeitet mit dem Okzipitalkortex, der visuelle Reize verarbeitet, und dem präfrontalen Kortex zusammen.

Die DZNE-Stiftung hat eine Studie ermöglicht, in der Sie das autobiographische Gedächtnis von Menschen mit Aphantasie sowie von blinden Personen untersucht haben. Was haben Sie herausgefunden?

Menschen mit Aphantasie können keine inneren Bilder erzeugen – und genau diese Bilder scheinen für das autobiographische Erinnern wichtig zu sein. Unsere Daten zeigen: Besonders konkrete, detailreiche Ereignisse lassen sich ohne visuelle Vorstellungskraft schwerer abrufen. Blinde Menschen erinnern sich anders als sehende, aber nicht weniger gut: Ihre Erinnerungen sind oft konzeptuell geprägt – sie erinnern sich stärker an Abläufe, Bedeutungen oder Gedanken. Das war sehr überraschend. Die vollständige Auswertung der zweiten Studie läuft noch. 

Was wir aus Erinnerungen über Demenz lernen können 

Was bedeuten diese Erkenntnisse für die Demenzforschung?

Bei Aphantasie sehen wir, dass Erinnerungen verblassen, wenn die Bilder im Kopf fehlen. Wir wollen deshalb in einer Folgestudie prüfen, ob man das „visuelle Rauschen“ im Gehirn mithilfe einer leichten Gleichstromstimulation reduzieren kann. Wenn dadurch innere Bilder und Erinnerungen wieder klarer werden, könnte das langfristig ein neuer Ansatz zur Unterstützung von Menschen mit Demenz sein. Interessant ist, dass Menschen mit Demenz ähnliche Einschränkungen im Erinnern aufweisen – auch bei ihnen haben wir die Vermutung, dass die lebendigen inneren Bilder fehlen. Wenn unsere Methode bei Aphantasie wirkt, könnte sie langfristig auch für die Behandlung von Gedächtnisstörungen bei Demenz eine neue Möglichkeit eröffnen.

Wie konnte die DZNE-Stiftung zu Ihren Erkenntnissen beitragen?

Die Förderungen der DZNE-Stiftung waren für meine Studien unglaublich hilfreiche Anschubhilfen. Solche Projekte sind sehr arbeitsintensiv: Die langen Interviews müssen nicht nur verschriftlicht, sondern auch detailliert ausgewertet werden – etwa danach, ob eine Erinnerung visuelle Elemente, Geräusche oder Gefühle enthält. Dass wir die Verschriftlichung extern vergeben konnten, hat enorm viel Zeit gespart. Auch die Anschaffung eines MRT-tauglichen Audiosystems für die Studie mit den blinden Menschen war nur durch die Unterstützung der Stiftung möglich. Solche Beiträge schaffen die Voraussetzungen, damit wir diese Studien überhaupt durchführen können.

Vielen Dank für das Interview und viel Erfolg bei Ihren weiteren Studien, Dr. Dr. McCormick!

 

Die Studie zum autobiographischen Gedächtnis bei Menschen mit Aphantasie wurde zusammen mit dem Bonner Aphantasia Research Project durchgeführt. An der Studie nahmen 14 Personen mit Aphantasie und 16 Kontrollpersonen teil. Zunächst wurde das Ausmaß der Aphantasie bei den Probanden mithilfe von Fragebögen und Interviews ermittelt. Anschließend sollten sich die Studienteilnehmer an bestimmte Ereignisse ihres Lebens zurückerinnern, während Bilder des Gehirns mit funktioneller Magnetresonanztomographie (fMRT) aufgezeichnet wurden. Die Studienergebnisse wurden in der Fachzeitschrift eLife veröffentlicht.

An der Studie zum autobiographischen Gedächtnis nahmen 20 von Geburt an blinde Menschen, 20 später erblindete Personen sowie 40 sehende Kontrollpersonen teil. Alle blinden Teilnehmenden waren vollständig blind, sodass eine visuelle Verbindung zu ihren Erinnerungen sicher ausgeschlossen werden konnte. Auch bei dieser Studie erinnerten sich die Teilnehmer, während das Gehirn mittels fMRT aufgezeichnet wurde. Die Reize für die Erinnerungen erhielten die blinden Teilnehmer nicht über Bilder, sondern per Audio. Die konkreten Studienergebnisse befinden sich in der Auswertung.